
Campus Innovation-Interview mit Prof. Dr. Rolf Granow, Dr. Norbert Kleinefeld und Klaus Moseleit
Im Vorwege der Campus Innovation 2009 haben wir die Vertreter der drei Veranstaltungspartner oncampus GmbH, ELAN e. V. und Metropolregion Hamburg nach Ihren Aktivitäten, Zielen und Erwartungen bezüglich der Campus Innovation und darüber hinaus befragt: Prof. Dr. Rolf Granow, Geschäftsführer der oncampus GmbH, Dr. Norbert Kleinefeld, Geschäftsführer des ELAN e. V., und Klaus Moseleit, Referent für Bildung, Wissenschaft, Technologietransfer und Klimaschutz in der Geschäftsstelle der Metropolregion Hamburg.
Sie sind Veranstaltungspartner der Campus Innovation 2009 und präsentieren sich an einem Gemeinschaftsstand. Wo liegen die Verbindungen zu den Partnern des Gemeinschaftsstandes, und welche Informationen und Angebote halten Sie für Standbesucher bereit?
Klaus Moseleit: Für die Metropolregion Hamburg stellen oncampus, ELAN und Multimedia Kontor Hamburg zentrale Player im Bereich eLearning und eCampus dar, die für die bereits erreichte Kompetenz in diesem Bereich stehen. Wir hoffen diese Kompetenzen durch eine intensivere Kooperation und ein gemeinsames Auftreten zu stärken. Durch eine Bündelung der Kräfte und Ausprägung der individuellen Stärken hat Norddeutschland eine gute Chance sich als die Premiummarke im Bereich der virtuellen Hochschule und Weiterbildung aufzustellen.
Norbert Kleinefeld: Verbindendes Merkmal der Partner auf dem Gemeinschaftsstand ist meines Erachtens das Ziel, die Lehre an den Hochschulen in den Regionen zu verbessern und die Bandbreite der hochschulischen Ausbildungs- und Weiterbildungsangebote zu erhöhen, um den Norden insgesamt als attraktiven Bildungsstandort zu präsentieren.
Ziel des Vereins ELAN ist es, als Impulsgeber zur stetigen Qualitätsverbesserung der medienbasierten Lehre zu wirken und die Kooperation der Mitgliedshochschulen im Bereich standortübergreifender eLearning-gestützter Lehre zu stärken. Der ELAN e. V. präsentiert daher auf dem Gemeinschaftsstand Beispiele seiner aktuellen Unterstützungsmaßnahmen, die für die Mitgliedshochschulen bereitgestellt werden. Die Mehrwerte für die Mitglieder bestehen unter anderem in der standortübergreifenden Weiterentwicklung des gemeinsamen Lernmanagementsystems, in der Unterstützung der Hochschulen bei Rechtsfragen des eLearning beispielsweise durch Workshops und Informationsveranstaltungen, in der Fortentwicklung der Möglichkeiten von Lernmanagementsystemen in der Lehre sowie in der Verbesserung der Weiterbildungsangebote für Lehrende zum Einsatz von eLearning und dessen Werkzeugen. Es werden am Infostand Beispiele für diese Unterstützungsmaßnahmen in Form von öffentlichen Zugängen zum Lernmanagementsystem, Aufzeichnungen von Lehrveranstaltungen, Aufzeichnungswerkzeuge sowie Publikationen zu Rechtsfragen des eLearning präsentiert.
Rolf Granow: Die oncampus GmbH ist spezialisiert auf Entwicklung und Betrieb von Online-Studiengängen und Online-Weiterbildung im Rahmen des Lebenslangen Lernens, die wir hochschul- und länderübergreifend in nationalen und internationalen Verbünden organisieren. Unsere erfolgreich eingeführten Studienangebote in Informatik, Wirtschaft und Wirtschaftsingenieurwesen gehören zu den Flaggschiffprojekten für eLearning in Norddeutschland. Mit unserem Auftritt auf der Campus Innovation wollen wir zur Vernetzung der norddeutschen eLearning-Aktionen beitragen. Wir werden dort unser bestehendes Leistungsangebot wie auch die zukünftigen Entwicklungen aufzeigen.
Wo sehen Sie in Ihrer Institution und auch in Ihrer Region aktuell die Möglichkeiten und Grenzen bzw. auch Trends im Bereich eLearning?
Klaus Moseleit: Für die Zukunftsfähigkeit der Metropolregion Hamburg ist es von Bedeutung sich auch als Wissensstandort zu präsentieren. Dabei stellt das eLearning einen wichtigen Baustein dar, in dem die Region bereits hohe Kompetenz erwiesen hat. eLearning heißt auch ortsunabhängige Teilhabe an qualifizierten Bildungs-, Ausbildung- und Weiterbildungsangeboten. Das ist für eine große Metropolregion vor allem in der Fläche von Bedeutung. Grenzen liegen darin, dass es Zeit braucht, den Menschen, den Bildungseinrichtungen und der Wirtschaft diese Bedeutung zu vermitteln und sie an eine verstärkte Nutzung heranzuführen.
Allerdings hat die Praxis auch Grenzen des eLearnings aufgezeigt. eLearning ist keine Alternative zum „klassischen“ Präsenzlernen, sondern eine sinnvolle Ergänzung. Die Zukunft dürfte daher in verschiedensten Mischformen liegen, von einem reinen Fernstudium zum Beispiel für die Ausbildung neben dem Beruf bis zu einzelnen Lerneinheiten in klassischen Ausbildungsgängen mit starkem gemeinsamen Lernen an einem Ort.
Norbert Kleinefeld: eLearning und, weiter gefasst, eCampus lebt von Vernetzung und standortübergreifender Zusammenarbeit verschiedener Abteilungen, Institutionen und Einrichtungen innerhalb der Hochschulen und zwischen den Hochschulen. In Niedersachsen sind aktuell erst acht von über 20 staatlichen Hochschulen Mitglied im Verein. Hier gilt es, weitere Mitglieder zu gewinnen, um Synergiepotenziale bei den anstehenden Herausforderungen zu nutzen. Auch die Vernetzung mit anderen Initiativen ist notwendig, da der Einsatz neuer Medien im Bildungsbereich immer noch nicht selbstverständlich ist. Hemmend wirkt sich das Verhalten einzelner Einrichtungen und Anbieter aus, alles selbst entwickeln zu wollen. Es gibt aber für eine Vielzahl von Anforderungen schon gut erprobte Open Source-Werkzeuge, deren gemeinsame Nutzung erst in einem Netzwerk richtig Sinn macht.
Ein wichtiger Trend wird darin bestehen, dass die bisher von den Einrichtungen vorgehaltenen Werkzeuge mehr und mehr individualisiert und aus der Sicht der spezifischen Lernerbedürfnisse konfiguriert werden. So werden die pro Hochschule angebotenen Lernmanagementsysteme wohl
mittelfristig mehr und mehr durch individuelle Lernwerkzeuge der Studierenden ersetzt werden.
Ein weiterer Trend wird in Richtung kollaboratives Lernen gehen. Da Lernen zum einen aus individueller Verarbeitung von Information zu Wissen und zum anderen aus dem Austausch mit anderen im Dialog zur Vertiefung des individuellen Wissens besteht, darf die soziale Komponente der freien Zusammenarbeit der Studierenden nicht außer Acht gelassen werden. Hier helfen die neuen Medien, schnell und unkompliziert den Kontakt und den Austausch mit Kommilitonen/innen zu ermöglichen.
Rolf Granow: Die Themen Lebenslanges Lernen und berufsbegleitendes Lernen werden zwar für die Hochschulen allerorts beschworen, finden aber in der Praxis in Deutschland dort nur ansatzweise statt. Hier besteht ein erheblicher Nachholbedarf, um die langfristige Wettbewerbsfähigkeit unserer Region zu sichern. Die gestuften Abschlüsse mit Bachelor und Master werden gerade für den Master-Bereich sinnvolle berufsbegleitende Angebote erfordern. Hierfür ist eLearning in Kombination mit Präsenzseminaren an den Hochschulen prädestiniert. Unsere Praxiserfahrungen zeigen, dass Studierende sich mit solchen Szenarien effektiv und effizient die geforderten Kompetenzprofile aneignen können.
In welchen Bereichen – insbesondere bezogen auf die Hochschule – sehen Sie das Potenzial von eLearning noch ungenutzt?
Klaus Moseleit: Die Potenziale werden in weiten Teilen der Hochschullandschaft noch nicht erkannt. Viele Verantwortliche und Lehrende sind selbst mit dem Umgang mit eLearning wenig vertraut. Vor allem das Blended Learning hat noch viel zu wenig Eingang gefunden in die Studiengänge. Viele Studiengänge könnten noch sehr gut durch eLearning ergänzt werden. Dabei ist es allerdings von entscheidender Bedeutung, dass eLearning nicht als die Digitalisierung der Literatur oder der bisherigen Vorlesung missverstanden wird. eLearning ist eine eigenständige Vermittlungsform, deren multimediales Instrumentarium leider auch von so manchem Beteiligten noch nicht verstanden wird. In Teilen sind daher bei der Erstellung von eLearning-Angeboten noch starke Defizite zu verzeichnen, die von „digitaler Bleiwüste“ bis zur „Multimediashow als Selbstzweck“ reichen. Hier liegt noch ungenutztes Potenzial in den Hochschulen, um von der Anbieterorientierung zur Ziel- und Nutzerorientierung zu gelangen: Nicht alles nutzen, was machbar ist, aber alles, was nützt, auch machen!
Aber auch die Wirtschaft hat in weiten Teilen die Vorteile des eLearnings noch nicht erkannt. Gerade im Bereich der berufsbegleitenden Aus-, Fort-, und Weiterbildung liegen besondere Stärken des eLearnings. eLearning kann Lernpensum und Lerngeschwindigkeit sehr gut individuell an persönliche und berufliche Gegebenheiten anpassen und gemeinsames Lernen in Präsenz konzentrierter, effizienter und damit kostengünstiger gestalten.
Norbert Kleinefeld: Der sogenannte „academic lifecycle“ an Hochschulen umfasst neben reiner Kurs-Unterstützung durch das Internet noch weitere Bereiche, in denen neue Medien im Sinne von eCampus sinnvoll eingesetzt werden können. So können am Anfang einer akademischen Ausbildung im Rahmen von Self Assessments schon frühzeitig studierwillige Interessierte mit den
Inhalten der jeweiligen Studiengänge vertraut gemacht werden, so dass diese sich einen Eindruck verschaffen können, was im Studium auf sie zukommt. Die Quoten der Studienabbrecher und -wechsler können von vornherein niedriger gehalten werden. Während des Studiums können die hohen Prüfungsaufkommen durch ePrüfungen und eKlausuren abgefedert werden. Auf der anderen Seite können mit Alumni-Portalen die späteren Verbindungen der Absolventen mit „ihren“ Hochschulen intensiviert werden. Zur Dokumentation der erworbenen Kompetenzen treten ePortfolios zunehmend in den Vordergrund. Diese können dann bei der Arbeitssuche
hilfreich ein.
Rolf Granow: eLearning ist wie keine andere Lernmethode dazu geeignet, in interprofessionellen, interdisziplinären und interkulturellen Gruppen zu lernen, ohne dazu das Arbeits- und Lebensumfeld verlassen zu müssen. Der Ansatz, Mehrwert aus Vielfalt zu gewinnen, ist im Zusammenhang mit eLearning dabei aber bislang eher vernachlässigt worden. Für die Stärkung der Region Norddeutschland wird eine wichtige Chance darin liegen, durch internationale Vernetzung der Studierenden und Lehrenden die Weichen für eine bessere globale Wettbewerbsfähigkeit zu stellen.
Welche Ansätze zu einer breiteren Etablierung von eLearning sehen Sie, und wie bewerten Sie Möglichkeiten der übergreifenden Zusammenarbeit? Was – neben sicherlich Finanzen – benötigen Sie dazu, um diese Zukunftsperspektive für eLearning an Ihrem Standort und darüber hinaus zu verwirklichen?
Norbert Kleinefeld: Wie beim erfolgreichen ELAN-Projekt in Niedersachsen seit 2002 etabliert, ist eine Vernetzung der eLearning-Akteure innerhalb und außerhalb der Hochschule enorm wichtig. Im ELAN e. V. wird diese Vernetzung auch innerhalb des Vereinsverbundes voran getrieben, zum Beispiel durch gegenseitige Projekt- und Modellvorstellungen, um die jeweiligen Akteure vor Ort in ihrer Arbeit zu stärken und noch unentschlossenen Dozentinnen und Dozenten durch die Darlegungen erfolgreicher eLearning-Kollegen Zugang zu Best Practice-Beispielen zu ermöglichen.
In einem länderübergreifenden Austausch sollten meines Erachtens daher ebenfalls Best Practice-Beispiele präsentiert werden, um voneinander zu lernen. Zur Erreichung des Leitzieles der Qualitätsverbesserung der Lehre bedarf es auch der Unterstützung von staatlicher Seite. Die Ministerien der Länder sollten sich auf entsprechende Unterziele verständigen und diese
mit den schon existierenden Servicecentern der Länder abstimmen.
Rolf Granow: Seit Beginn unserer Aktivitäten haben wir hochschul- und länderübergreifend gearbeitet. Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass sich wirkliche strukturelle Veränderungen durch eLearning nur erreichen lassen, wenn es gelingt, Ressourcen zu bündeln und Akteure (Institutionen, Studierende, Lehrende) miteinander zu vernetzen. Die bestehenden Strukturen sind dafür eigentlich nicht ausgelegt und es ist ein mühsamer Prozess, sie zu überwinden. Ich denke, dass wir mit unserer Expertise im Aufbau nachhaltiger übergreifender Hochschulkooperationen einen Beitrag leisten können, für Norddeutschland ein unverkennbares Profil im eLearning zu schaffen. Für die Gestaltung dieser Zukunftsperspektive muss die Einsicht gefördert werden, dass eLearning nicht vorrangig ein Forschungsthema darstellt, sondern der Fokus auf einer breiten Implementierung liegen sollte.
Klaus Moseleit: eLearning in Norddeutschland braucht eine starke Kooperation und eine Ausprägung der individuellen Stärken mit Blick auf einen gemeinsamen Auftritt nach außen. Die bestehenden Kompetenzen bieten eine hervorragende Basis für ein breites eLearning-Portfolio „Norddeutschland“. Dies gilt es in der nächsten Zeit gemeinsam auszubauen und voranzubringen. Wir haben hier die Möglichkeit länderübergreifender Zusammenarbeit und Vermarktung, die die Chance für ein deutschlandweites Alleinstellungsmerkmal im Bereich eLearning mit umfassender Kompetenz bietet. Die Metropolregion Hamburg möchte diesen Prozess als Kommunikationsplattform unterstützen. Wir sehen hier eine starke Resonanz für die übergreifende Kooperation. Unser gemeinsamer Stand auf der Campus Innovation ist hier sicher als ein gutes Zeichen zu werten.